Geschichte der Hochsprung-Meetings

1 Verbindung von Hochsprung und Musik

Die Verbindung von Sport und Musik hat eine lange Tradition bis hinein in die Antike. Schon die alten Griechen verbanden anläßlich ihrer Olympiaden sportliche und künstlerische Höchstleistungen. Sie vergaben den Olympischen Lorbeer nicht nur an die besten Sportler, sondern auch an die hervorragenden Sänger und Dichter. Die moderne Olympische Bewegung versucht diese Verbindung von Kunst und Sport zu übernehmen, regelmäßig werden die sportlichen Kämpfe durch künstlerische Darbietungen begleitet. Während der Kunstgenuß bei Olympischen Konzerten, Balletten und Opern jedoch elitären Charakter hat und nur führenden Sportfunktionären, Großsponsoren und wenigen ausgesuchten Gästen vorbehalten bleibt, hat sich der reine Wettkampfsport Olympischer Prägung über die Medien zu der Massenunterhaltung schlechthin entwickelt, wie es die große Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit belegt.

Eine direkte Verquickung von Sport und Kunst gibt es aber nur in wenigen Olympischen Wettbewerben, den sogenannten kreativen oder verlaufsorientierten Sportarten (Eiskunstlauf, Bodenturnen). In den ergebnisorientierten Sportarten wie eben Leichtathletik war diese Form musikalischer Untermalung bisher nicht üblich. Dabei wurden schon die antiken Springer durch musikalische Unterstützung zur Leistungssteigerung angespornt, wie es der Kölner Sporthistoriker Wolfgang DECKER zu berichten weiß. Da die Griechischen Athleten jedoch dem Fünfersprung in die Weite und nicht dem Hochsprung frönten, kann man sie nur bedingt als direkte Vorgänger der modernen Hochsprungmeetings mit Musik bezeichnen.

Ob bei den mittelalterlichen Sprüngen über die Pferderücken eine musikalische Untermalung stattgefunden hat, ist nicht überliefert, Richard Wagner hätte sich hier sicher verdient machen können. Eher schon kann man sich vorstellen, daß die Afrikanischen Athleten bei ihren Versuchen, groß gewachsenen Landsleuten über den Kopf zu springen, von rhythmischem Trommelschlag animiert wurden. Aber auch das ist nicht verbrieft, so daß man von keinen historischen Vorbildern der modernen Hochsprungmeetings mit Musik sprechen kann.

Während die volkstümlichen Übungen des Mittelalters, wie das Überspringen von Pferden, vor allem der Volksbelustigung dienten, hatten die Ende des 18. Jahrhunderts eingeführten turnerischen Übungen andere Zwecke, sie sollten die Übenden „an Leib und Geist“ ertüchtigen und die Wehrkraft der Bevölkerung stärken. Veranstaltungen wie das Deutsche Turnfest hatten entsprechend einen paramilitärischen Charakter. In Massenvorführungen mußten Hunderte, bisweilen sogar Tausende gleichzeitig und „in Reih und Glied“ dieselben Übungen demonstrieren. Disziplin und Haltung waren entsprechend hochgeachtet bzw. wesentliche Qualitätskriterien der Turnbewegung. Daher begegnete man im Turnerlager dem aus England herüberkommenden „Sport“, wozu Ballspiele und die Leichtathletik zählten, mit großer Reserviertheit. Zu ungeregelt waren die Bewegungen. Während das Turnen verlaufsorientiert war, es also auf die exakte Ausführung bzw. Reproduktion einer vorgegebenen Übung ankam, war der Sport ergebnisorientiert, d.h., es kam darauf an, eine möglichst gute Leistung, sei es in Meter und Sekunden, sei es in Toren, zu erzielen. Das „Wie“ war relativ beliebig. Was die Turner damals jedoch als zu ungeordnet abgelehnten, würde aus heutiger Sicht immer noch als sehr straff organisiert gelten. Denn auf den Sportplätzen waren die Kleidung und das Auftreten der Athleten, vor allem aber der Ablauf der Wettkämpfe exakt geregelt.

Nachdem die Leichtathletik so lange Zeit eine wohlgeordnete, von Funktionären und Kampfrichtern beamtisch verwaltete und durchgeführte Sportart war, bei der beinahe alles durch Regeln festgelegt war, geordnet, gesittet und ruhig ablief, war eine Sportveranstaltung lange Zeit undenkbar, bei der sehr laute Pop-Musik gespielt wird, die Zuschauer rhythmisch klatschen, aufstampfen und schreien und die Sportler das Publikum durch aufreizende Gesten zum Beifall animieren. Damit solche Veranstaltungen möglich werden konnten, mußte sich mancherlei im Sport verändern: Das Regelwerk mußte gelockert werden, Sportler und Kampfrichter mußten sich auf die veränderten Bedürfnisse der Zuschauer, der Öffentlichkeit und der Medien einstellen und nicht zuletzt mußten die Zuschauer selber erst einmal auf den Geschmack gebracht werden. Denn der Leistungssport der 50er und 60er Jahre war zwar keine richtige Arbeit, aber auch keine reine Unterhaltung. So galt eine Verbindung von Leistungssport und Showelementen lange Zeit als unseriös. Entsprechend puritanisch wurden die Sportereignisse zelebriert. Nach allgemeiner Auffassung benötigten die Sportler für ihre Aktivitäten Ruhe, das Publikum hatte allenfalls nach erfolgreichen Läufen oder Versuchen Beifall zu spenden, als beispielsweise U.Meyfarth 1972 in München den neuen Weltrekord von 1.92 m avisierte, trat im Stadion eine vollkommene Stille ein, der erst nach dem geglückten Sprung in langdauernden Jubel umschlug.

Für den Geschmackswandel der Zuschauer spielten die Medien, insbesondere Fernsehen und Kinofilme, eine inspirierende Rolle. Während nämlich die Leichtathletik unter absoluter Ruhe, man könnte sagen, bei Totenstille, stattfanden und das Publikum auf emotionaler Distanz gehalten wurde, kamen die Filmemacher schon früh auf den Gedanken, wichtige Szenen musikalisch zu untermalen und damit zu betonen. Dadurch wurden die Zuschauer zusätzlich zum „Mitgehen“, sei es zum Sich-Mitfreuen, sei es zum Mitleiden, animiert. Dieses Stilmittel setzte man auch in den sich allmählich entwickelnden Sportsendungen des Fernsehens und in den Wochenschauen des Kinos ein. Spannende Sportszenen wurden dramatisch verstärkt. Vorerst war diese musikalische Untermalung jedoch nicht „life“, sondern wurden nachträglich den Sportaufzeichnungen zugefügt. Auch in der Musik änderte sich das Konsumentenverhalten. Saßen früher bei Konzerten die Zuhörer still auf ihren Stühlen, wurde es mehr und mehr üblich, bei Rock- und Popmusik-Veranstaltungen dicht gedrängt an der Bühne zu stehen, zu tanzen und mitzuklatschen. Die Zuschauer werden so zu Mitwirkenden der Show. Lichteffekte, überlebensgroße Viedomatrixen und die Animation durch Moderatoren oder die Künstler selbst verstärken noch die Einbindung des Publikums.

So wurden die Zuschauer verwöhnter und anspruchsvoller. Nicht nur das eigentliche Ereignis, sondern auch der Rahmen mußte stimmen. Sitzkomfort, Verpflegung, Moderation, Pausengestaltung bzw. Rahmenprogramm, Musikuntermalung und Großleinwände wurden immer wichtiger. Wollte der Sport nicht abseits stehen und immer mehr Zuschauer an andere Kulturbereiche (wie eben die Popmusik) verlieren, mußten diese Veränderungen im Konsumverhalten auch bei Sportveranstaltungen Eingang finden und die Zuschauer vermehrt am Geschehen beteiligt werden.

Während in den westlichen Stadien die Dreispringer (wohl wegen der rhythmischen Struktur ihrer Sportart) für sich beanspruchen können, die Publikumsunterstützung durch rhythmisches Klatschen eingeführt zu haben, wurde die Kombination von Hochsprung mit Musik erstmals in der Tschechoslowakei, also im vormaligen Ostblock, ins Leben gerufen. Dort wurden die Hochspringer schon Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre von einer Musikcombo, heute würde man sagen, von einer Lifeband, begleitet. Wenn möglich, konnten sich die Sportler einzelne Musiktitel aussuchen. Die Band spielte eher dezent, und bot damit eine Art Hintergrundmusik. Der eigentliche Grund, daß diese Art Veranstaltung gerade dort begann, waren sicherlich die guten Leistungen der tschechischen Hochspringer jener Tage. Gleich mehrere tschechische Hochspringer hatten Europäisches Niveau (im Bereich von 2.20 m (V.Maly, R.Baudis und J.Palkowski, letzterer Hallen-Vize-Europameister 1973). Damals galt wie heute, daß man gute Athleten dem eigenen Publikum gerne, oft und möglichst nahe präsentiert. Dazu boten separate Wettkämpfe in überschaubaren Hallen den richtigen Rahmen. Daneben muß man den Tschechen eine gewisse Musikbegeisterung (ob hier Ernst Mosch der richtige Pate ist, seie mal dahin gestellt) und einen Sinn für die Inszenierung von sportlichen Ereignissen unterstellen, die schließlich einen Veranstalter auf den Gedanken brachte, beide Kulturformen, also Sport und Musik, zu verbinden. Nachdem so erst einmal eine neue Darbietungsform für eine Sportart gefunden war, ließen die Nachahmer nicht lange auf sich warten.