Geschichte der Hochsprung-Meetings

2 Leichtathletikveranstaltungen im Wandel

Bei genauerem Hinsehen bedeuteten die Hochsprungmeetings mit Musik im Vergleich zur herkömmlichen Leichtathletik gleich zwei Neuerungen, nicht nur die musikalische Begleitung der Sportler, sondern auch die Präsentation nur einer leichtathletischen Disziplin war bisher nicht üblich. Bis dato war die Leichtathletik immer in „gemischten“ Wettkämpfen, neudeutsch „Multi-Event-Meetings“, dargeboten worden. In den 50er und 60er Jahren waren die Leichtathletik-Länderkämpfe besonders populär und füllten die Stadien. Einzelne Nationen traten dabei mit ihren Auswahlmannschaften gegeneinander an. Wenn die Leistungen der Sportler auch damals schon wichtig waren, so interessierte doch in erster Linie, wer in den verschiedenen Disziplinen siegte und welche Nation den gesamten Länderkampf gewann. So war es normal, daß in einzelnen Disziplinen Wettkämpfe auf internationalem Niveau stattfanden, in anderen ein überragender Athlet gegen leistungsschwächere antreten mußte und schließlich in vielen Disziplinen alle Teilnehmer ein schwächeres Leistungsniveau hatten, wodurch wiederum spannende Wettkämpfe zu erwarten waren. Mangels anderer Unterhaltung kamen die Zuschauer gar nicht erst auf den Gedanken, diese Niveau-Unterschiede zu bemängeln.

Neben den Länderkämpfen wurden in den 50er und 60er Jahren auch Internationale Sportfeste durchgeführt, zu denen die Sportler gezielt eingeladen wurden. Haben heute die Sportfeste in Zürich, Köln und Berlin die größte Popularität, so war in den 50er Jahren das von Paul Schlurmann organisierte Abendsportfest in Wuppertal eine der bekanntesten Veranstaltungen. Die damaligen Veranstaltungen kann man, was die Dichte der Spitzenleistungen betrifft, nicht mit den heutigen Internationalen Sportfesten gleichsetzen, denn neben einer Reihe von Wettkämpfen mit ausschließlich nationaler Konkurrenz gab es nur einzelne Höhepunkte mit wenigen ausländischen Stars. Hatte ein Deutscher Spitzenathlet internationales Format, versuchte man für ihn einzelne ebenbürtige ausländische Kontrahenden zu finden. Besonders beliebt waren sogenannte Olympiarevanchen mit Deutscher Beteiligung. Zu jener Zeit waren die Sportler (als reine Amateure) noch nicht so reisefreudig wie heute. Daher waren Stars aus Übersee nur selten in Europäischen Stadien zu finden. Entsprechend hochgeschätzt wurde die Teilnahme einzelner Amerikanischer Athleten.

Daß diese Form der Leichtathletikwettkämpfe mit wenigen hochklassigen Startern so großen Zuspruch fanden, erklärt sich aus der Anspruchslosigkeit der Menschen in den ersten beiden Jahrzehnten nach dem Krieg. Die Konkurrenz anderer Sportarten war gering; Basketball, Volleyball, Tennis, Golf und Eishockey spielten noch keine Rolle. Viele Familien hatten weder Fernsehen noch Auto, eine Freizeitindustrie im heutigen Sinne gab es nicht. So war die Freizeit relativ reizarm und die Massen entsprechend dankbar für die Angebote von Fußball und Leichtathletik.

Seit den 60er Jahren hat sich das Freizeitverhalten wesentlich verändert. Die Ursachen dafür sind vielfältig: erheblich mehr Freizeit

  • ein oder mehrere Fernseher in jedem Haushalt
  • hohe individuelle Mobilität durch das Auto
  • mehr Geld zur Freizeitgestaltung
  • großes Angebot an Wettkampfsportarten
  • neue Formen des Freizeitsports (z.B. Surfen, Skaten
  • attraktive nichtsportliche Freizeitvergnügen (Fun-Parks
  • professionelle Freizeitindustrie

Diese Veränderungen im Freizeitangebot beeinflussen auch das Verhältnis der Öffentlichkeit zur Leichtathletik. Das liegt vor allem an der Verbreitung des Fernsehens. Mit der technischen Vervollkommnung der Fernsehtechnik (Farbfernsehen, Wiederholungen, Zeitlupe, Zoom) ist die Sportberichterstattung immer besser geworden. Um Spitzenleistungen zu sehen, braucht der Zuschauer nicht mehr ins Stadion zu gehen, sondern kann die besten Sportler der Welt zu Hause am Fernseher aus nächster Nähe beobachten. Durch die Vielzahl der Fernsehanstalten ist es mittlerweile undenkbar, daß überragende Leistungen oder gar ein Weltrekord unter Ausschluß der Fernsehöffentlichkeit stattfinden. Auf diese Weise sind die Rekorde, speziell die Weltrekorde, zum Maß der Leichtathletik geworden und es ist in gewisser Weise eine Rekordsucht entstanden: jede Leistung wird mit dem Weltrekord verglichen und jede Veranstaltung daraufhin begutachtet, wie viele Weltrekordler und Olympiasieger am Start sind bzw., ob ein Weltrekord möglich ist.

Die so steigenden Ansprüche können die Länderkämpfe herkömmlicher Machart nicht erfüllen, sie bieten zu wenig Höhepunkte bzw. sind in vielen Disziplinen zu schwach besetzt. Ist der Wettkampf auch noch so ausgeglichen und spannend, reagiert das Publikum gelangweilt, wenn die Leistungen durchschnittlich sind bzw. wenn kein Rekord in der Luft liegt. Diese Rekordsucht wird von den Medien noch geschürt, indem beispielsweise in laufende Wettbewerbe der Weltrekord eingeblendet wird. Durch die permanente Präsenz von Weltklasseleistungen und -athleten im Fernsehen verlieren die Länderkämpfe mit ihrem Mix als guten, durchschnittlichen und schlechten Leistungen an öffentlichem Interesse und an Bedeutung. Auch der Versuch, über Mehrländerkämpfe (zuletzt der Sechs-Länderkampf in Paris) ein höheres Niveau in allen Wettbewerben zu erreichen, behebt diesen Mangel nicht vollständig und war daher zum Scheitern verurteilt. Daher haben die Länderkämpfe alter Machart nur noch in den Nachwuchsklassen als Fördermaßnahme Bedeutung, im Spitzenbereich sterben sie allmählich aus. Trotz jüngster deutscher Erfolge muß man diese Entwicklung auch für den Europa-Cup befürchten.

Offenbar geworden ist, daß die Öffentlichkeit bzw. die Zuschauer, durch das Fernsehen auf den Geschmack gebracht, regelmäßig Spitzenathleten und -leistungen sehen möchte. Und das nicht nur alle vier Jahre anläßlich der Olympischen Spiele, sondern öfter. Heinrich BÖLLs Satire „nicht nur zur Weihnachtszeit“, die das Konsumentenverhalten, alles und jederzeit genießen zu wollen, anprangert, scheint insbesondere auf den Sportkonsum zuzutreffen.

Die Leichtathletik-Verantwortlichen erkannten diesen Bedarf und führten neue Internationale Meisterschaften ein. So wurde 1983 in Helsinki erstmals eine Leichtathletik-Weltmeisterschaft ausgetragen. Diese Meisterschaft wurde zunächst im Vier-Jahre-Rhythmus (1987 Rom, 1991 Tokio) wiederholt, bevor man zu einem Zwei-Jahre-Rhythmus gewechselt ist (1993 Stuttgart, 1995 Göteborg, 1997 Athen). Ebenfalls im Zweijahretakt werden inzwischen Hallen-Weltmeisterschaften und Junioren-Weltmeisterschaften ausgetragen. Trotz dieser Entwicklung können die Internationalen Meisterschaften nur begrenzt die gewachsene öffentliche Nachfrage nach Spitzenleistungen und Rekorden befriedigen.

Diesen Bedarf können die internationalen Meetings decken. Sie sind unabhängig von umständlichen Verbandsstatuten und können relativ kurzfristig ins Leben gerufen, geplant, verändert und durchgeführt werden. Beispielsweise paßten sich die internationalen Sportfeste als erste an die neuen Werbemöglichkeiten in und mit der Leichtathletik an und stockten so ihre Etats bedeutend auf. Entsprechend gewannen die internationalen Meetings an Bedeutung.

Immer mehr solcher großen Veranstaltungen werden überall auf der Welt, besonders aber in Europa, durchgeführt, man kann von regelrechten Veranstaltungsketten sprechen. Über diese Sportfeste wird die gestiegene Nachfrage nach Top-Leichtathletik aufgefangen bzw. umgesetzt. Dabei kann man einen Marktmechanismus beobachten: Durch das weltweite Medieninteresse und die Öffnung auch der Amateursportarten für die Werbung verfügen die Meetingdirektoren über immer mehr Geld. Kaum noch unter einer Million DM läßt sich heute ein internationales Sportfest durchführen. Die Veranstalter überbieten sich darin, in vielen Disziplinen die Weltbesten möglichst komplett an den Start zu bringen. So kommt es zu einer Ballung von internationalen Stars. Wenn Manfred GERMAR, Direktor des Internationalen Sportfestes in Köln, meint, heute seie es einfacher, die Sportler zu verpflichten, da die Manager die Athleten besser „im Griff“ hätten als früher die Trainer, so liegt das wohl weniger an der Qualität bzw. größeren Überzeugungskraft der Manager als vielmehr am vielen Geld, das heute an die Athleten bezahlt wird. Über hohe Start- und Preisgelder ist es leicht (geworden) professionell oder zumindest semiprofessionell orientierte Sportler an den Start zu bringen. Veranstalter und Manager haben eine Art Markt aufgebaut, auf dem Angebot (leistungsstarke Spitzensportler) und Nachfrage (finanzkräftige Veranstalter) die Preise für die Sportler bestimmen. Nationale Spitzenathleten sind nur dann interessant, wenn sie im Kampf der Weltbesten mithalten können. Ansonsten werden sie zum zweitklassigen Füllstoff, der dazu dient, in Vorläufen oder B-Finalläufen die Starterfelder zu komplettieren.

Aufgrund der Vielzahl solcher Veranstaltungen sind die Preise der Spitzenathleten in die Höhe geschnellt. War in den 70er Jahren Amateursportlern noch untersagt, über ihre Unkosten hinaus Geld zu verdienen, gibt es - seitdem 1981 der Amateurparagraph gelockert worden ist - kaum noch Beschränkungen betreffs der Start- und Preisgelder. Die Athleten lassen sich zumeist von Managern vertreten, die, schon im eigenen Interesse, die Startgelder ihrer Athleten in die Höhe treiben.

Wenn die Veranstalter auch über die verschiedenen Werbe- und Vermarktungsmöglichkeiten immer größere Einnahmen haben, so müssen sie doch auch immer mehr Geld für die einzelnen Athleten ausgeben. Entsprechend ist es schwierig, in allen Disziplinen die absolute Weltklasse an den Start zu bringen. Legt man einen strengen Maßstab an. gelingt das nur dem Züricher Meeting, alle anderen Veranstalter müssen - bei geringeren Mitteln - Abstriche machen und mit bescheideneren Feldern auskommen.

Ein weiteres Problem bzw. ein Nachteil bei großen Veranstaltungen liegt in der Vielfalt von gleichzeitig stattfindenden Wettbewerben. Der Zuschauer, auch der am Fernsehen, wird überflutet, und weiß gar nicht mehr, wo er hingucken soll. Insbesondere die technischen Wettbewerbe gehen bei Betonung der Läufe unter. Hinzu kommt, daß die Stadien zu groß sind, um alle Wettbewerbe optimal zu verfolgen. Hat man einen Platz unten, in der Nähe der Bahn, kann man die in der Nähe stattfindenden technischen Disziplinen verfolgen und sieht die Läufer jede Runde für kurze Zeit aus der Nähe, doch fehlt der Überblick über die Laufwettbewerbe und ist der Blick auf weiter entfernt stattfindende technische Disziplinen beeinträchtigt. Sitzt man beispielsweise auf der Gegengeraden beim Weitsprung, sieht man nichts von Hoch- und Stabhochsprung in den Kurven. Am Jubel bemerkt man leider zu spät, daß dort gerade eine gute Leistung erzielt wurde. Und auch wenn man zufällig oder durch den Stadionsprecher aufmerksam gemacht, im entscheidenden Moment hinsieht, ist man so weit entfernt, daß die Sportler nur ganz klein und die Bewegung nur im Groben verfolgt werden kann. Hat man einen Platz weiter oben auf der Tribüne, geht es gerade umgekeht, man hat zwar über alle Läufe und technische Wettbewerbe die Übersicht, doch kann man keine Disziplin aus der Nähe bzw. im Detail verfolgen. Abhilfe schaffen hier die Videomatrixen, also überlebensgroße Leinwänden, auf denen Wiederholungen möglich sind. Wegen der enormen Kosten solcher Videowände gibt es sie in nur wenigen Stadien. Zudem geht das Erlebnis der unmittelbaren Beteiligung verloren.

Wegen dieser Mängel der großen Sportfeste lag die Überlegung nahe, Meetings für einzelne Disziplinen zu veranstalten. Insbesondere die technischen Wettbewerbe litten unter dem Regime der Läufe bei den Großveranstaltungen. Nicht nur, daß die Stadionsprecher die Aufmerksamkeit des Publikums auf die gerade stattfindenden oder jeweils nächsten Läufe ausrichtete, dazu kam, daß die technischen Disziplinen, speziell der Hochsprung, auch durch kreuzende Läufer bzw. - in der Halle - durch andere Sprungdisziplinen gestört oder sogar unterbrochen wurde. In separaten Meetings wurde diesen Mängeln abgeholfen, die frühere Nebensache wurde nun zur Hauptsache. Durch die gezielte Moderation sind die Zuschauer über den Verlauf des Wettkampfes ständig informiert und können die Dramatik des Geschehens mitverfolgen. Zudem ist der Zuschauer nicht mehr 50 oder 100, sondern nur noch wenige Meter von der Wettkampfanlage bzw. den Stars entfernt. Nach ersten Erfolgen mit dieser neuen Veranstaltungsform begann man, sie zu verfeinern und zu variieren.

Inzwischen gibt es solche Veranstaltungen für den Stabhochsprung (Zweibrücken), Weit- und Dreisprung (Bad Canstatt) und auch im Kugelstoßen (Saßnitz auf Rügen). Der eigentliche Renner sind jedoch die Hochsprungmeetings.