Geschichte der Hochsprung-Meetings

3 Hochsprungmeetings in Deutschland

Es überrascht nicht, daß der Initiator des ersten großen Hochsprungmeetings ein Trainer ist. Peter Schramm aus Eberstadt (in der Nähe von Heilbronn) betreute Mitte der 70er Jahre gleich mehrere Hochspringer von nationalem Format, ohne daß einer von ihnen absolute Spitzenklasse darstellte. So kam ihr Trainer auf den Gedanken, einen Hochsprung-Mannschaftscup auszurichten. Er lud andere Vereine mit ebenfalls mehreren guten Springern nach Heilbronn ein und führte den ersten Mannschaftscup durch. Vier Teilnehmer pro Verein waren startberechtigt, drei kamen in die Wertung, indem ihre Wettkampfhöhen addiert wurden. Über die verschiedenen Jahre starteten in Eberstadt Hochsprungmannschaften aus Heilbronn, Frankfurt, Köln, Leverkusen, Mainz, Wattenscheid und Wuppertal bei dieser Veranstaltung. Den Mannschaftsrekord stellten 1979 die drei Leverkusener Mögenburg (2.30), Lichtenberg (2.21) und Trapka (2.18 m) auf. Wenn diese Veranstaltung von Athleten und Trainer auch gut angenommen wurde, so war das weitläufige Leichtathletikstadion noch nicht der richtige Rahmen.

Daher wechselte Organisator Schramm 1978, als in seiner Heimatstadt Eberstadt ein Kleinspielfeld mit Kunststoffbelag fertiggestellt wurde, mit seiner Hochsprungveranstaltung auf diese Anlage. Zum ersten Wettkampf mit nur wenigen Teilnehmern hatte P. Schramm die Werbetrommel gerührt, einige Sponsoren aufgetrieben und immerhin 300 Zuschauer, zumeist aus Eberstadt, an die Sprunganlage geholt. Sie sahen die Höhenflüge Carlo Thränhardts bis hin zu 2.24 m. Es zeigte sich, daß die Rechteckform des Kleinspielfeldes (25 mal 40 m) in idealer Weise den Anlaufbedürfnissen der Flopspringer genügt. Die Hochsprungmatte wird an der Stirnseite platziert, so daß die langen Seiten für den geradelinigen Teil des Anlaufes zur Verfügung stehen. Da das Kleinspielfeld so optimal den Anlauf einfaßt, kann auch das Publikum am Rand der Kleinspielfläche ganz nahe an den Athleten plaziert werden. Diese bisher ungewohnte Nähe zu den Sportlern wurde von den Zuschauern dankbar aufgenommen, aber auch umgekehrt von den Sportlern geschätzt. Im nächsten Jahr hatte sich herumgesprochen, daß man in Eberstadt Leichtathletik hautnah erleben konnte und so kamen schon 1000 Zuschauer zum Hochsprung. P.Schramm hatte noch mehr Geld mobilisiert und neben mehreren Mannschaften auch alle anderen Deutschen Spitzenspringer eingeladen. Der Veranstalter moderierte selber den Wettkampf und wurde für seine Mühen mit einer Hochsprungsensation entschädigt. Denn gleich drei Deutsche steigerten sich und den (West-) Deutschen Rekord erst auf 2.27 und dann noch auf 2.30 m. In Anbetracht des damaligen Weltrekords von 2.34 m war dies nicht nur für die Springer, sondern auch für die Veranstaltung in Eberstadt der Durchbruch. Das Fernsehen, eher nebenbei nach Eberstadt gekommen, dokumentierte die Rekordsprünge und mehrte damit noch den Ruhm dieses Hochsprungmeetings.

Von da an mußte man die Zuschauer in Tausenden (bis hin zu 5000 Mitte der 80er Jahre) zählen. Tribünen wurden herbeigeschafft und aufgebaut, um die Besuchermassen, nun aus der weiteren Umgebung und sogar dem ganzen Bundesgebiet anreisend, unterzubringen. Für die Medienvertreter, speziell die Leichtathletikexperten, ist Eberstadt seither ein „Muß“ im Terminplan. Parallel wuchs der Etat der Veranstaltung und wurden auch ausländische Spitzenspringer verpflichtet.

Und einer dieser Gäste sorgte schon im nächsten Jahr (1980) für eine weitere Steigerung. Jacek Wszola aus Polen, der amtierende Olympiasieger, übersprang die neue Weltrekordhöhe von 2.35 m. Mittlerweile sprachen die Athleten vom Eberstadtbonus, daß sie in Eberstadt also eine Höhe mehr als anderswo springen könnten. Ob dies nun am guten Bodenbelag, am störungsfreien Wettkampfverlauf, am engen Kontakt zum Publikum oder an der guten Betreuung durch Peter Schramm und seinen inzwischen beträchtlichen Mitarbeiterstab lag, läßt sich nicht letztlich beantworten. Peter Schramm war dieser Ruf durchaus recht, sicherte er seiner Veranstaltung doch die Teilnahme vieler, um nicht zu sagen aller Weltklassespringer. Speziell die Deutschen Spitzenspringer hielten und halten Eberstadt aus diesem Grund die Treue und gehören beinahe zum festen Inventar der Veranstaltung.

Wenn in den Folgejahren auch serienweise die Weltklassehöhe von 2.30 m übersprungen wurde, dauerte es doch vier Jahre, bis Eberstadt den nächsten großen „Knüller“ erlebte. Wiederum kurz vor Olympia, sorgte der Chinese Zhu für einen weiteren Weltrekord in Eberstadt, er übersprang 2.39 m. In seinem Sog steigerten sich Carlo Thränhardt und Dietmar Mögenburg auf 2.36 m, was die Einstellung des Europarekords von Gerd Wessig bedeutete. Im Folgejahr setzte Patrick Sjöberg mit einem Sprung über 2.38 m (Europarekord) und hauchdünn gerissenen Versuchen über 2.40 m der Veranstaltung ein weiteres Glanzlicht auf. Eberstadt war unbestritten die „Nr.1“ der Hochsprungveranstaltungen weltweit geworden. Dieses Niveau hat Eberstadt über viele Jahre bis heute gehalten, wie es eine jüngst in der Leichtathletik (Heft 45) veröffentlichte Statistik belegt.

Auch die Deutschen Hallenmeetings haben Wurzeln im schwäbischen Unterland. Schon Anfang und Mitte der 70er Jahre wurden einige Hochsprungwettkämpfe in Heilbronn und Umgebung ausgetragen. Diese Veranstaltung konnte sich jedoch nicht halten, so daß Rudi Thiel, seit vielen Jahren schon der „Macher“ des ISTAF in Berlin, für sich beanspruchen kann, die Hochsprungmeetings mit Musik in Deutschland etabliert zu haben. R.Thiel hatte 1978 beim ISTAF schon Erfahrungen mit Lifemusik gemacht. Wegen der Vielzahl gleichzeitig stattfindender Wettkämpfe wurde sie dort jedoch als störend empfunden und wieder aus dem Programm genommen. 1980 führte R.Thiel in der Schöneberger Halle das erste Meeting dieser Art durch. Er ließ auf dem normalen Hallen-Parkett Tartanläufer verlegen, auf denen die Springer anlaufen und abspringen konnten. Zudem hatte er, wie die tschechischen Vorläufer, eine kleine Musikgruppe organisiert, um die Springer zu begleiten.

In den Folgejahren kam man von der Lifemusik ab und nutzt seither eine Art Diskothek mit aktueller Popmusik. Ein Discjockey oder die Springer selber suchen die Musiktitel aus. Diese werden dann von einer Cassette oder CD über eine Verstärkeranlage und Lautsprecherboxen in die Halle übertragen. Durch diesen Wechsel von der Lifemusik zur Musikkonserve wandelte sich auch die Bedeutung der Musik für die Springer. War die Musik vorher eine nette Untermalung im Hintergrund gewesen, so diente sie jetzt der Einstimmung der Springer auf ihren Sprung. Durch das Anhören ihrer aktuellen Lieblingstitel beschwingt, versprachen sich die Athleten eine Leistungssteigerung. Entsprechend wurde die Musik nicht mehr leise, sondern laut, bisweilen dröhnend abgespielt. Damit die Sportler „ihre“ Wunschtitel auf jeden Fall hören konnten, brachten sie ihre Musik gleich auf Cassette mit.

Insbesondere das jüngere Publikum nahm diese Neuerung positiv auf, fühlte sich gleichfalls durch die Musik unterhalten wie inspiriert und bemühte sich, durch rhythmisches Klatschen den Springer zusätzlich zu unterstützen. Ganz nebenbei hatte die Musikbeschallung für die Zuschauer den Vorteil, daß sie nicht mehr mucksmäuschenstill auf die Sprünge ihrer Stars warten mußten, sondern sich relativ ungezwungen unterhalten und benehmen konnten. Daß die musikalische Begleitung und Verstärkung der Springer primär in der Halle Anwendung findet, liegt einerseits in der Ausstattung der Hallen mit Lautsprecheranlagen und andererseits in der besseren Akustik geschlossener Räume begründet, im Freien wird die Musik schnell „vom Winde verweht“. So gehören seither neben dem Moderator, hier engagierte R.Thiel einen bekannten Fernsehsportjournalisten, auch Musikfachleute zum Meetingpersonal.

Außer in der musikalischen Untermalung unterschied sich das Berliner Meeting durch die Anzahl der Wettbewerbe von Eberstadt. Während dort nur der Hochsprung der Männer auf dem Programm stand, wurden in Berlin gleich drei Sprungwettbewerbe abgewickelt, neben dem Hochsprung der Männer und Frauen auch der Stabhochsprung. Anfangs nacheinander, wurden die drei Wettbewerbe später gleichzeitig ausgetragen. Trotz dieses großen Aufwandes mußte Rudie Thiel - im Unterschied zum Eberstädter Pendant im Freien - einige Jahre warten, bis seine Veranstaltung den Durchbruch hatte. 1984 stand die Fortsetzung des Berliner Meetings auf der Kippe, als Carlo Thränhardt mit seinem Sprung über 2.37 m den Weltrekord nach oben schraubte und die Veranstaltung bis auf weiteres sicherte. Im Folgejahr legte Sjöberg noch einen Zentimeter zu und 1988 markierte Carlo Thränhardt mit 2.42 m den vorläufig letzten Hochsprung-Weltrekord in der Schöneberger Halle. Danach sorgte Sergej Bubka mit Bestmarken im Stabhochsprung für neue Glanzlichter in Berlin. Im letzten Winter mußte die Veranstaltung mangels Sponsoren erstmals ausfallen, doch ist für 1997 eine Neuauflage geplant.

Schon einige Jahre vor dem Berliner Meeting wurde in Arnstadt in Thüringen ein Hochsprungmeeting mit Musik aus der Taufe gehoben. Bis zur „Wende“ hatte das Meeting überwiegend nationalen Charakter, mit einer Ausnahme gewannen immer Ostdeutsche Frauen und Männer. Die Besonderheit des Arnstädter Hochsprungs ist, daß Frauen und Männer in einem Wettkampf im direkten Wechsel sprangen. Nach der Wende verstand Organisator Triebel es, sein Meeting in die „neue Zeit“ hinüberzuretten. 1990 konnte er Carlo Thränhardt, der in Thüringen geboren wurde, für einen Start in Arnstadt gewinnen. Mit dem großen Blonden kam das Fernsehen und sorgte - nicht zuletzt dank eines 2.30 m Sprunges von Thränhardt für erste gesamtdeutsche Publizität der Veranstaltung. Mittlerweile hat sich Arnstadt zu einem internationalen Meeting in einer Reihe mit Berlin, Balingen und Wuppertal entwickelt.

Obwohl das Eberstädter Freiluft-Meeting die mit Abstand größte Resonanz bei Medien und Öffentlichkeit hervorrief, fand es erheblich weniger Nachahmer als die Hallenmeetings. Nur wenige Jahre fand das Springen in Recke/Westfalen statt, wo sich Lokalmatador P.Frommeyer mit 2.34 m in den Annalen des Hochsprungs verewigte. Dauerhaft internationales Niveau erreichte jedoch nur das Meeting in Wörrstadt. Dort bemühte sich Reinhardt von Dalwiegk, durch den Erfolg der Männer in Eberstadt animiert, eine vergleichbare Veranstaltung für die Frauen ins Leben zu rufen. Nicht zuletzt durch die Popularität und die Erfolge erst von Ulrike Meyfarth und dann von Heike Henkel gelang es ihm, eine über die Jahre viel beachtete Veranstaltung für die Damen zu etablieren. Daneben gibt es eine Reihe von Freiluftmeetings auf nationalem Niveau, genannt seien Sinn, Viersen und Rotenburg/Fulda.

Im Unterschied zur bisher geringen Verbreitung der Freiluftmeetings fanden die Hallenmeetings mit Musik gleich eine Vielzahl von Epigonen, die sich allesamt auf den Hochsprung beschränkten. Diese Bevorzugung der Hallenmeetings läßt sich nicht nur durch die organisatorischen Vorteile (Tribünen und Stereoanlage sind vorhanden => Witterungsunabhängigkeit), sondern auch durch die leistungsfördernden Hallenböden erklären. Da verwundert nicht, daß sich einzelne, erfahrene Athleten selber als Veranstalter hervortaten und in ihren heimatlichen Turnhallen Springermeetings durchführten. So begründete C.Thränhardt in Simmerath ein Meeting, das immerhin 10 Jahre stattfand und mit seinem 2.40 m Sprung einen Weltrekord vorzuweisen hat. Ebenfalls Bestleistungen bis hin zum Weltrekord brachte die Veranstaltung von Mögenburg in Köln, wo er 1985 mit 2.39 m den nur zwei Tage alten Rekord von P.Sjöberg überbot. Auch beim Meeting von G.Nagel in Sulingen (bei Bremen), wurde der Organisator zum größten Nutznießer seiner Veranstaltung, als er 1989 mit 2.36 m die größte Höhe seiner Laufbahn sprang. Jüngstes Mitglied in diesem Reigen ist das Weinheim Highjump Meeting von R. Sonn. Etablieren konnten sich in den letzten Jahren vor allem solche Hochsprungmeetings, bei denen die Veranstalter nicht aus dem Aktiven-, sondern aus dem Trainer- und Betreuerlager kamen. Veranstaltungen mit inzwischen vieljähriger Tradition sind in Wuppertal, Balingen und Otterberg entstanden, neueren Datums sind die Meetings in Aachen, Siegen und Leipzig.

Nicht verschwiegen werden kann und soll, daß eine Reihe nationaler und auch internationaler Hochsprungmeetings nur kurzzeitig durchgeführt werden konnte. Allem Bemühen der Veranstalter zum Trotz führten meist finanzielle Probleme, sprich Sponsorenausfälle, zur Absage der Meetings. Leider bewährte sich hier der alte Boxerspruch „They never come back“ bisher ohne Ausnahme. Einmal von Athleten, Managern, Stammtermin und Sponsoren getrennt, ist eine Wiederaufnahme ungleich schwieriger als die Fortsetzung der Veranstaltung.

Trotz dieser Ausfälle gibt es in der Hallensaison mittlerweile ein dichtes Netz von Hochsprungmeetings, das den Springern eine Vielzahl von Startmöglichkeiten und damit eine so gute Wettkampf-Infrastruktur wie in kaum einer anderen Disziplin oder Sportart bietet. Bei der Koordination und Besetzung dieser Wettkämpfe ist G. Eisinger, der ehemalige Trainer von G. Nagel, inzwischen zur zentralen Kontaktperson nicht nur für Athleten und Manager, sondern auch für viele Veranstalter geworden. Diese Vermittlerrolle schließt die meisten ausländischen Springer und Springerinnen ein, die sich - wegen des guten Wettkampfangebotes für Hochspringer - den größten Teil des Winters über in Deutschland aufhalten, um die Meetings mit wenig Reisestreß und Flugkosten besuchen zu können.

Jedes Meeting hat sein eigenes Flair und jeder Veranstalter versucht, sein Meeting immer perfekter zu organisieren. Detaillierte Programmhefte, attraktive Rahmendarbietungen, ausgefeilte Akustik, professionelle Moderation durch einen oder gleich mehrere prominente Ansager, Spotbeleuchtung, Arena-Charakter und Videomatrixen sind Serviceleistungen für das normale Publikum. Pressenkonferenzen, Kommunikationszentren und VIP-Räume mit besonderem Programm und kulinarischen Delikatessen sollen Medienvertreter und Sponsoren bei der Stange halten. All diese Leistungen gehen mit immer größeren Etats einher, die nur noch zum geringen Teil über die Zuschauer, statt dessen primär über Sponsorengelder eingeholt werden können.

Ohne die Leistung der Veranstalter und Manager schmälern zu wollen, ist der langanhaltende Erfolg Deutscher Hochspringer/Innen die primäre Ursache des Meeting-Booms. Wenn die Meetingszenerie inzwischen auch etabliert ist und das eine oder andere Jahr mit geringeren Erfolgen deutscher Athleten überstehen wird, so darf dieser Zusammenhang nicht unterschätzt werden. Das Karriereende der bisherigen Leistungsträger, zuletzt H.Henkels, weist hier zumindest auf einen Umbruch hin. Im Bewußtsein dieser Abhängigkeit haben sich eine Reihe von Meeting-Organisatoren die Nachwuchsarbeit auf die Fahnen geschrieben und versuchen so, den Kreis zu schließen.